Open Air -Open Minds Landschaften Rita Kashap Pressetext

Die Landschaftsbilder von Rita Kashap
Kunsterlebnis als Welterlebnis
Von Gerhard Charles Rump

Landschaften, reale wie vor allem aber gemalte, zwingen den Betrachter dazu, ihnen gegenüber eine Position, seine Position zu definieren. Welche Landschaft sehe ich? Eine Stadtlandschaft? Die Naturlandschaft? Oder Kulturlandschaft? Stehe ich vor etwas oder dahinter? Bin ich von etwas umgeben? Stehe ich still oder bewege ich mich? Berühren die Füße den Boden oder bin ich hinaufgestiegen, um eine Aussicht zu genießen? Das sind einige der Fragen, die jeder Betrachter eines Landschaftsbildes zu beantworten hat. Aber es gibt da noch tiefere Einsichten, zu denen man gelangen kann.Einem Landschaftsbild gegenüberstehend, müssen wir uns darüber klar werden, dass das Gemälde auch eine Weltsicht widerspiegelt. Flämische Landschaften des 17. Jahrhunderts, wie etwa Rubens’ „Landschaft mit Schloss Steen“ (National Gallery London), tendierten dazu, eine Landschaft mit hohem Horizont wiederzugeben, was eine Überschau ermöglichte. Und so stand der Ausschnitt aus einem grundsätzlich Unbegrenzten symbolisch für das Ganze ein. Dem Betrachter blieb dabei kein definierter Ort, kein zugewiesener Standplatz; er schwebte vielmehr „irgendwo im Raum“, er war der archetypische „ortlose Betrachter“ Das Landschaftsbild wurde so zum Weltsymbol.

Die holländische Landschaftsmalerei der gleichen Periode zeigt einen anderen, weniger hochfliegenden Zugang zur Welt. Der Horizont erscheint sehr niedrig, eher wie man ihn auf einem Spaziergang erlebt. Häuser und Bäume zeigen sich in eher nüchterner, faktizistischer Weise, so wie etwa in Meindert Hobbemas „Allee von Middelharnis“ (National Gallery London). Hier hat der Betrachter eine bestimmbare Position, er steht mit beiden Beinen auf dem Boden. Die Landschaft zeigt sich, we man sie wirklich sieht.
Die Landschaftsbilder von Rita Kashap zeigen Gegenden und Bäume, und gerade Bäume sind in Landschaftsbildern stets zur Definition des Raumes benutzt worden. Und beide, Landschaft und Bäume, allein oder in Kombination, waren auch schon immer Emotionsträger. Das ist bei Rita Kashap nicht anders. Der emotionale Aspekt in der Kunst erlebt derzeit ja eine Renaissance, und sie steht für das Recht auf Emotionen ein und das Recht, diese auch in der Kunst des 21. Jahrhunderts ausdrücken zu dürfen. Das mag man Neo-Expressionismus nennen oder nicht, es ist in jedem Fall eine künstlerische Position, die ganz anders ist als der im Mainstream vorherrschende, kühle und konzeptualistische Rationalismus.
Rita Kashap erweitert das überkommende Vokabular durch einige kompositorische Kunstgriffe, die Ausdruck und Dramatik nachgerade rhapsodisch steigern.
Lange Weile hat’s hier nirgends, die Landschaften sind dynamisch bewegt und der Landschaftsraum als Bildraum expandiert, wenn sie den Vordergrund distanzlos an das Betrachterauge heranführt, den Mittelgrund weghext und nur noch den Hintergrund als visuellen Rettungsanker vor dem Sich-Verlieren zulässt.
In einem Bild stehen zwei sturmgepeitschte Bäume da, in voller Pracht ihres herbstlich roten Laubes. Die Bäume benötigen keine weiteren Verweise, sie sind in ihrer Situation aufeinander angewiesen und bilden in ihren Neigungen zueinander eine bewegte ästhetische Brücke, die von verborgenen Dramen spricht.
Das Bildfeld ist hier, wie in vielen anderen ihrer Landschaftsbilder auch, als durch Flecken und Spuren, lineare und flächige Elemente, als dynamisch bewegtes, dramatisches Feld definiert, das gelegentlich durch ruhigere Partien, malerische Lyrismen unterbrochen und ausbalanciert wird. Hier spielt sich existentielles Drama ab, adäquat sinnfällig durch die Faktur wiedergegeben.
Manchmal kommen eher unbewußt historische Vorbilder vor, mit überragender, dennoch frecher Geste. Aber: Hier geschieht vor allem Malerei in tiefgreifender Originalität. Hier wird gelebt, geliebt und gelitten, vor allem aber gemalt. Hier geht es nicht um Leben, sondern um Kunst.
Wir glauben bei Rita Kashap meist, ein variiertes, aber letztlich realistisches Bild zu sehen, aber der Eindruck täuscht. Wir betreten eine Welt raffinierter Magie, der Magie der ineinander verwobenen Farbfelder, Flecken und Linien, die sich sogar widersprechen dürfen. Manchmal sehen wir eine Leerstelle, wo wir doch etwas Konkretes erwarten – oder genau umgekehrt. Alles wird letztlich zu einer Wiedergabe von Licht, aber es handelt sich nicht um reales, sondern um gemaltes Licht, und dieses reflektiert keine realistische Beleuchtungssituation, beschwört aber ihren Charakter herauf. Die Farben machen sich über Natürlichkeit gelegentlich sogar lustig, was ihre visuelle Wirkung verstärkt und vom Betrachter ein stärkeres wahrnehmungsorientiertes Engagement abfordert.
Gelegentlich zeigen die Naturelemente Autonomie, entsagen ihrer abbildenden Aufgabe, versuchen eine direkte emotionale Anbindung an die Psyche des Betrachters, vermittelt durch Faktur und Duktus. Daraus resultieren im Grunde abstrakte Bilder, Momente autonomer Malerei, die den emotional geprägten Erlebniskosmos durch ein als adäquat empfundenes Farbuniversum vertritt. Welt und Parallelwelt werden synchron geschaltet, Kunsterlebnis wird Welterlebnis.