Zeitgenössische Kunst aus Israel – Text Charles Rump

EINIGE BEMERKUNGEN ZUR ZEITGENÖSSISCHEN ISRAELISCHEN KUNST

Von Gerhard Charles Rump

Manche sagen, Israel sei ein junges Land voller alter Geschichten. Das trifft es nicht ganz: Es werden dort auch sehr viele neue Geschichten erzählt. Wie dem auch sei, als Künstler in Israel leidet man keinen Mangel an Inspiration: Die antike Geschichte des Landes ist eine Quelle, und, natürlich, die jüngeren politischen Krisensituationen. Das verleiht der israelischen zeitgenössischen Kunst eine ungewöhnliche Tiefe des Engagements, eine feurige Fantasie und einen umfassenden sozialen Zusammenhang. Die Elemente spielen für die Künstler eine große Rolle durch alle Medien hindurch, und die Malerei ist eines davon. Israelische Künstler gehen beständig auf die Themen ein und interpretieren sie neu, seien sie historisch, politisch oder auch religiös, und sie sind dabei dynamisch, fortschrittlich, erfindungsreich, aber auch experimentell in den angewandten Techniken.

Beim Tel Aviv Museum of Arts heißt es: „Israelischen Künstlern geht es besonders um Fragen von Identität und Konflikt. Ihre Themen umfassen dabei so unterschiedliche Motive wie örtliche Landschaft und mittelmeerisches Licht, jüdische Überlieferung und ihre komplexe Haltung gegenüber gegenständlicher Kunst, und auch soziopolitische wie urbane Probleme: Lokales gegen Universelles, Peripherie gegen Zentrum, oder auch östliche gegen westliche Dialektik.“ (S. Website des Museums)

Die Präsenz israelischer Künstler hat in den jüngsten Jahren international stark zugenommen, und die Gruppenausstellung in der Palastgalerie Berlin unterstreicht die Tatsache, dass die zeitgenössische Kunst Israels einen wertvollen Beitrag zum ästhetischen und künstlerischen Diskurs der Zeit leistet.

Wenn wir zum Beispiel die Gemälde (und Fotos) anschauen, dann sehen wir, dass es lebendige Verbindungen zur Street Art gibt, dass Umweltthemen bearbeitet werden und urbane Gender-Thematik ebenfalls, genau wie gedankenreiche Annäherungen and Landschaftsmalerei, und all diese sind gelegentlich eingefasst in konzeptualistische Vorstellungen, was einen neuen Geist heraufbeschwört.

Das Gleiche gilt für die Bildwerke, bei denen wir ästhetische Bezüge zu den 1920er Jahren finden, als die Moderne in Israel neu begründet wurde, was für historische Identifikation und neue Identität anspricht, beides wichtig in israelischer Kunst.

Die Bandbreite der gezeigten künstlerischen Vorgehensweisen ist staunenswert, denn wir treffen sowohl auf technisch wie ästhetisch hoch Entwickeltes neben kalkuliert eingesetzter scheinbarer Naivität und folkloristischer Ausdrucksweise. Diese sind natürlich nicht wirklich grundlegend, vielmehr entwerfen sie eine Inhalts- und formbezogene Haltung, in der sich gelegentlich die Bewunderung für große jüdische Künstler wie Marc Chagall äußert, ohne dass Trittbrett gefahren würde.

Die Tendenz, Widersprüchliches auszugleichen oder neue Gefühlswelten im Zusammenhang fest etablierter Ikonographien  zu gestalten, ist ebenso sehr bemerkenswert.  Das hängt mit einer fundamentalen Infragestellung unserer Sicht auf und der Interpretation von Wirklichkeit zusammen, die auf alternative Problembewältigungsstrategien hinweist. Wenn die Welt nicht das ist, was wir denken, was ist sie dann? Ändert sie sich mit unseren Darstellungs- und Verständnisweisen? Diese universellen Fragestellungen finden ihre Antwort in der Kunst, in der Malerei, im Verfertigen eines Werkes selbst. Das ästhetische und philosophische Problem „verstehe ich überhaupt etwas ohne davon irgendeine Art der Darstellung zu erzeugen“ wird mit einem klaren „Nein“ beantwortet. Die Darstellung mag mental sein, aber im Kunst-Kontext ist sie ästhetisch. In Israel und anderswo.

Das ist auch der Grund warum israelische Kunst zur Welt spricht. Ein politischer Konflikt kann lokal sein, aber von dem Moment an, da er in ein Werk der Kunst verwandelt wird, geht alles über das Lokale hinaus. Nehmen wir „Las Lanzas“ von Velázquez als Beispiel. Der politische Konflikt, der dem Bild als Hintergrund dient, ist längst vorbei, spielt für das Leben heute keinerlei Rolle mehr. Aber die Kunst in diesem Gemälde überlebt, steigt glänzend auf als ein Phönix aus der Asche der Geschichte. Deshalb bewundert heute noch so viele Menschen das Bild. Das ist, in der Tat, die Natur wirklicher Kunst, die Fähigkeit sich über die Quisquilien ihrer Zeit zu erheben, ihre Fähigkeit, praktisch ewiges Leben zu gewinnen. Und das zeigt auch diese Ausstellung: Kunst, die trotz ihrer Verstricktheit in aktuelle Konflikte, die Kraft hat, sich über die Angelegenheiten zu erheben und die Natur der conditio humana zu erklären.